Dezember 2016
Kunstwerk im Fokus

Frans Masereel:
Der Ackermann von Böhmen, 1952

Von der Gebrechlichkeit der Welt

Die Zeit ist aus den Fugen: Seuchen haben ein Drittel der Bevölkerung hinweggerafft, unter den Bauern macht sich der Unmut über ihre gedrückte Lage in gewaltsamen Aufständen Luft, und Wellen von kriegerischen Auseinandersetzungen überziehen die Länder Europas. Da greift in Böhmen der Verwaltungsbeamte Johnnes von Tepl (in der Wissenschaft früher Johann von Saaz genannt), zur Feder und verleiht der existenziellen Erschütterung der Menschen Ausdruck. Ein Landmann, dem die junge Frau gestorben ist, verwickelt den Tod in ein Streitgespräch. Er begehrt auf gegen das Sterbenmüssen, hadert mit dem Elend der irdischen Existenz, verweigert die trostspendende Verschiebung verheißenen Glücks ins himmlische Jenseits. Am Ausgang des Mittelalters erhebt sich eine Stimme, die vom Recht des Menschen auf Glück und Frieden schon auf seinem irdischen Lebensweg spricht. Sie findet Gehör mehr als fünf Jahrhunderte später, als Frans Masereel den Dialog für seine eigene Zeit entdeckt. Nach dem deutschen Überfall auf Frankreich 1940 erlebte er die Katastrophe des Kriegs, Flucht und Existenz im Verborgenen am eigenen Leibe. 1952 schuf er einen Zyklus von 13 Tuschezeichnungen, aus denen später die Publikation zu dem "Ackermann von Böhmen" hervorgehen sollte, in denen er nach der Sinnhaftigkeit des eigenen und fremden Leids fragt. Mit blockhaft-wuchtig angelegten Kompositionen, machtvollen Schwarz-Weiß-Kontrasten gestaltet Masereel seine zeitlose Auseinandersetzung mit den Grundfragen der menschlichen Existenz.

Frans Masereel (1889-1972): "Der Ackermann von Böhmen". 13 originale Zeichnungen, Tuschpinsel auf dunkelbeigem Papier, 1952. links unten vom Künstler mit Nummern von 1 bis 13 versehen. Blattgröße je ca. 20,8 x 13,5 cm (leicht variierend). Die komplette Folge der Tuschezeichnungen als Vorlage in Originalgröße zu der späteren Buch-Veröffentlichung im Verlag Kurt Desch, München. Provenienz: Aus dem Künstlernachlass. Seit über 25 Jahren im Privatbesitz

     
 

November 2016
Kunstwerk im Fokus

Erich Waske
Schloß Neuschwanstein und Alpsee, 1967

Eine Landschaft, zum Malen schön

Es gibt Landschaften, an denen ein Maler nicht vorbeikommt. Schloß Neuschwanstein vor der Kulisse der Allgäuer Berge gehört dazu. Auf den sanften grünen Hügeln erhebt sich das Schloß, ein Zierrat von Menschenhand in der urwüchsigen Naturlandschaft. In den licht türkisen Spiegeln der beiden Seen schimmert er Widerglanz der Berge, die sich in machtvollen Ketten im Hintergrund aufsteilen. Erich Waske schenkt dieser Landschaft, die er wie eine Theaterkulisse inszeniert, die Glut seiner expressiven Farben. Sattes Grün, Nachtblau, Aquamarinblau und Violett leuchten unter einem expressiv gestalteten Sonnenuntergangshimmel, in den die Sonne mit Gold und Rot die letzten Farben und Wärme des vergehenden Tages sendet.

Erich Waske (1889-1978): Schloß Neuschwanstein mit Alpsee und Schwansee vor den Allgäuer Bergen, 1967, Tempera-Gemälde auf bedrucktem Karton, rechts unten signiert und datiert: "E. Waske 67". Provenienz: Aus dem Künstlernachlaß. Im goldfarbenen Schattenfugenrahmen mit schwarz abgesetzter Kante

     
 

Oktober 2016
Kunstwerk im Fokus

Bernhard Kretzschmar:
Sekretär gesucht, 1935

Pandämonium der Bürokratie

Die figuren- und detailreich angelegte Zeichnung, aufwendig ausgeführt, ist der Entwurf für die spätere, gleichnamige Radierung von 1938 sowie für das späte Ölgemälde "Sekretär gesucht". Das Blatt bildet den Abschluss des fünfteiligen Radierungs-Zyklus" "Um einen Menschen", an dem Bernhard Kretzschmar Ende der 1920er bis Ende der 1930er Jahre arbeitete (heute u.a. in der Sammlung der Kunstgalerie Frankfurt / Oder, des Museums für Geschichte Dresden und der Berliner Nationalgalerie). Der Zyklus ist gezeichnete "comédie humaine", in der Kretzschmar ein tragikomisches, grotesk überhöhtes Panorama der 30er Jahre entwirft, in dem sich sozialkritische Analyse mit humanistischer Empathie verbinden. Das Blatt "Ein Sekretär" ist der symbolisch-burlesken Schlusspunkt hinter diese "Lehrstücke". Der Existenzkampf um eine freie Stelle beim passend so benannten "Versorgungsministerium" wogt um den Mann in der Mitte, der wohl die Entscheidung zu treffen hat. Mit dem weißen, tunika-artigen Gewand leuchtet er wie die Persiflage einer Heilsfigur aus der Menge. Die Bewerber ergehen sich in grotesken Demutsbezeugungen oder schleppen ihre unnütze Bücherweisheit herbei. "Viele von den Bewerbern tragen Tierköpfe, Esel, Schweine, Schafe, Hunde, Füchse sind vertreten. Kretzschmar meinte, der Mensch sei auf eine besondere Weise in seinem Charakter die Verkörperung eines Tieres. … während seines letzten Lebensjahres hat er einen ganzen Zyklus von Menschen mit Tierköpfen gezeichnet." (Löffler, S. 49).

Ein Sekretär gesucht (Viel Lärm um nichts), 1935. Aquarell, Tusche und Gouache, 48.5 x 63.5 cm
rechts unten monogrammiert und datiert (19)35. Provenienz: Künstler-Nachlass (Hilde Stilijanov-Kretzschmar)

 

     
 

August 2016
Kunstwerk im Fokus

Bernhard Kretzschmar:
Zeitschriften der Gegenwart, 1919

Expressionistische Buchstabenkunst

Das Jahr 1919 war ein ereignisreiches Jahr für die künstlerische Entwicklung Kretzschmars. Aus dem Sanitätsdienst des 1. Weltkriegs zurückgekehrt, nahm er seine Ausbildung in Dresden wieder auf; an der Akademie war er bald Meisterschüler von Robert Sterl. Im Sommer 1919 hielt er sich in Marburg auf, wo ihn der Kunsthistoriker Richard Hamann förderte. Die künstlerische Neu-Ausrichtung orientierte sich, wie auch bei dem Kommilitonen Otto Dix, an der Formensprache des Expressionismus. Dies gilt auch für die beiden Ausstellungsplakate, die zu den rund zwölf großformatigen Lithographien gehören, die Kretzschmar im Sommer 1919 für eine Ausstellung von Gegenwartszeitschriften schuf. Weit stärker noch als bei dem Pendant bindet Kretzschmar in dem vorliegenden Blatt den Schriftzug in das Bild ein, wandelt die Buchstabenfolgen in dynamische Formen und nähert sie energiegeladenen linearen Abstraktionen an.
Zu den beiden Ausstellungsplakaten siehe auch: Fritz Löffler. Bernhard Kretzschmar, Dresden 1985, S. 20 und 23 (Abb.). Die Pendant-Lithographie im Besitz des Universitätsmuseums für Kunst und Kulturgeschichte Marburg und des Los Angeles County Museum of Art

Bernhard Kretzschmar (1889 Döbeln - 1972 Dresden): Plakat zur Ausstellung Illustrierter Zeitschriften der Gegenwart, 1919
Lithographie auf ocker-hellbraunem Papier, mittig unten im Stein monogrammiert, c. 62.5 x 46.5 cm (Sichtmaß), 67 x 52 cm (Blattmaß) unter Passepartout

     
 

Juli 2016
Kunstwerk im Fokus

Friedrich Karl Gotsch:
Drei Mädchen sonntags

Grazien mitten im Leben

Das gemäldeartig angelegte großformatige Aquarell wurde durch einen Aufenthalt im Tessin angeregt. Mit dem Motiv der jungen Tessiner Mädchen beschäftigte sich Gotsch in jenen Jahren mehrfach. Zeugnis dafür sind drei zwischen 1959 und 1960 entstandenen Gemälde "Tessiner Mädchen Sonntags (II)", Caslano 1959 (WVZ 523, Privatsammlung), "Drei Mädchen", 1960, (WVZ 540, im Musée du Petit Palais Genf) und "Hinter den Kulissen", 1962 (WVZ 593, Privatsammlung). In der Gestaltung des Motivs im vorliegenden Aquarell scheint das klassiche Motiv der Dreiergruppe der Grazien durch, verstärkt durch den betonten Einsatz der Dreiecksform in den stilisierten Röcken der jungen Mädchen und dem gespreizten Stand der mittleren Figur. Mit den kantigen Umrissen, den noch ganz mädchenhaft schmalen Silhouetten und den selbstbewußten, ja herausfordernden, geerdeten Posen der jungen Mädchen verleiht Gotsch seinem Bild herbe Anmut und glaubwürdige Modernität.

Friedrich Karl Gotsch (1900 Pries bei Eckernförde - 1980 Schleswig): Drei Mädchen sonntags, 1959
Aquarell, 48 x 72.5 cm, rechts unten monogrammiert: "FKG" und signiert "Gotsch 1959" mittig unten betitelt: " - Drei Mädchen sonntags -", links unten bezeichnet: "Aquarell". Provenienz: Privatbesitz (seit fast 30 Jahren). Im Passepartout, im hochwertigen handgearbeiteten Rahmen mit Echtgoldauflage

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Juni 2016
Kunstwerk im Fokus

Eberhard Viegener

Wandrelief, 1960

Bewegte Abstraktion

Der gebürtige Soester Viegener hat als Maler und Bildhauer im Laufe eines ausgefüllten Künstlerlebens die entscheidenden Stilwandel des 20. Jahrhunderts miterlebt und in sein Schaffen einfließen lassen. Ferdinand Hodler, Wilhelm Morgner und der Landsmann Christian Rohlfs waren die Paten seines expressionistischen Beginns. Mitte der 1920er Jahre wurde Viegener zu einem wichtigen Vertreter der Neuen Sachlichkeit in Deutschland. Die Einstufung als "entarteter Künstler" zwischen 1933 bis 1945 brachte eine ernsthafte Beeinträchtigung seines Schaffens. Als er nach 1945 wieder ungehindert arbeiten konnte, kam er über die expressive Gegenständlichkeit in seinem Spätwerk zur Abstraktion. Bei dem "Wandrelief" erkennt man noch die Herkunft aus der Gegenständlichkeit. Die geometrisch vielfältigen Formen scheinen auseinandertreibende Teile stilisierter bewegter Figuren zu sein. Erinnerungen an die figurenreichen Prozessionen auf altägyptischen Reliefs und an die Präzision altorientalischer Keilschriften mit ihren zwischen symbolischer Bildhaftigkeit und abstrakter Verrätselung stehenden Keilschriften werden wachgerufen.

Eberhard Viegener (1890 Soest - 1960 Bilme / Nordrein-Westfalen): "Wandrelief", Gips-Relief, 1960, 58 x 44 cm. Rückseitig signiert, betitelt und datiert. Ausstellung: Eberhard Viegener. Gedenkausstellung zum 100. Geburtstag, Westfälisches Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte, Münster. Freistehend im Bildträger mit Handarbeitsrahmen montiert.

Nähere Informationen auf Anfrage.

     
 

Mai 2016
Kunstwerk im Fokus

Heiko Pippig

Streng und diszipliniert, 1980er Jahre

Die Kunst des Porträts

Die Antike war davon überzeugt, dass das Porträt am Beginn der Malerei überhaupt stehe. Der Wunsch, die charakteristischen Züge eines Menschen festzuhalten, äußere Gestalt und inneres Wesen dem verändernden Zugriff der Zeit zu entziehen, habe die ersten Künstler zum Zeichenstift greifen lassen. Heiko Pippig hat sich seit Beginn seiner künstlerischen Tätigkeit mit der menschlichen Gestalt beschäftigt. Von den symbolischen und chiffrehaften Darstellungen des Frühwerks entwickelte sich im Übergang zu den 1980er Jahren sein Schaffen hin zum individuellen Menschenbildnis. Ein Porträt wurde Pippig zum Anlaß, den Charakter des Dargestellten zu erfassen und zugleich das Allgemein-Menschliche dahinter sichtbar zu machen, hinter der Persönlichkeit den Typus zu erkennen. Pippig arbeitet in dem Porträt der jungen Frau die Züge einer disziplinierten, streng-selbstbewußten Persönlichkeit heraus. Kantige Linien verweigern den Wunsch nach Gefälligkeit, die harte Kontrastlinie, die im Gesicht die beleuchtete von der verschatteten Hälfte trennt, gibt dem Gesicht etwas von der rätselhaften Stilisierung einer Theater-Maske, hinter der ein Schauspieler auf der Bühne sein Gesicht verbirgt, damit der Typus um so deutlicher hervortritt. Die Arme sind hinter dem Körper verborgen und der Körper im Gegensatz zu dem gemeißelt wirkenden Gesicht betont flächig in kühlen Farben angelegt - auch der Torso, der das Ausgreifen in den Raum verweigert, spricht von der Selbstbeherrschung und dem Sich-Selbst-Genugsein der dargestellten Frau.

Heiko Pippig (*1951): Streng und diszipliniert, 1980er Jahre, Acryl auf Leinwand, 120 x 90 cm

     
 

April 2016
Kunstwerk im Fokus

Kay H. Nebel

Bergschafe in einer Vollmondnacht, 1930

Im blauen Licht des Mondes

Kay Heinrich Nebels künstlerische Karriere erfuhr einen steilen Aufschwung Anfang der 1920er Jahre durch den engagierten Einsatz des bedeutenden Kunstkritikers Franz Roh und die Beteiligung Nebels an Gustav Hartlaubs Mannheimer Ausstellung "Neue Sachlichkeit", von 1925, die einer ganzen Stilrichtung Namen und Profil gab. Schon seinen Zeitgenossen galt Nebel als exzellenter Tiermaler. Das vorliegende Gemälde "Bergschafe" vereint seine große Treffsicherheit beim Erfassen von individueller Physiognomie und natürlicher Bewegung der Tiere mit einer poetisch schwebenden Atmosphäre. Das überwirklich wirkende blaue Licht des Mondes, das über die Tiere ausgegossen wird, verleiht der realistischen Szenerie einen märchenhaften Klang.

Öl auf Karton, 49.5 x 60 cm, rechts unten signiert und datiert (19)30, verso betitelt "Bergschafe", erneut signiert und datiert 1930, im handgearbeiteten Holzrahmen mit Echtgoldauflage

     
 

März 2016
Ausstellungs-Hinweis

Richard Pietzsch

Ein Maler unterwegs zwischen
Vornbach und Passau
Ausstellung in der Landkreisgalerie Neuburg
2. März bis 13. April 2016

Das Schloß Neuburg hoch über dem Inn hat seit Jahrhunderten eine besonders enge Beziehung zu Münchner Künstlern - beginnend mit dem Baumeister und Maler Wolf Huber, dem Schloß und Gartenanlage ihr Renaissance-Gepräge verdanken. 1908 erwarb der Bayerische Verein für Volksunst und Volkskunde, mit Unterstützung bedeutender Münchner Künstler wie Franz von Stuck, Friedrich August Kaulbach und Ferdinand Wagners das Gebäude und ließ es stilgerecht restaurieren. In den 1920er Jahren konnte es seiner schon vor dem Weltkrieg geplanten Bestimmung zugeführt werden: als Künstlererholungsheim zu dienen. Ab 1921 verbrachten dort zahlreiche Künstler und Künstlerinnen der Münchner Secession und der Münchner Künstlergenossenschaft (genannt seien nur Ludwig von Herterich, Carl Marr, Adolf Jutz), aber auch aus ganz Deutschland einige Wochen oder Monate in der "Sommerburg" inmitten der idyllischen Fluß- und Waldlandschaft. 1929 verbrachte Richard Pietzsch einige Sommerwochen auf der Neuburg. Es entstand eine Folge von Zeichnungen, die dem Flußlauf von der Vornbacher Enge bis nach Passau folgen und Stadtansichten aus Passau. Diese Zeichnungen sind nun in einer Sonderausstellung in Zusammenarbeit mit dem Förderkreis Neuburg e.V. am Ort ihrer Entstehung selbst zu sehen, in den Räumen der Landkreisgalerie Passau im Schloß Neuburg am Inn. Zur Ausstellung ist ein kenntnisreicher und ausführlich bebildeter Katalog erschienen.

Ausstellungsdauer: 2. März bis 17. April 2016
Nähere Informationen: www.landkreisgalerie.de


 

     
     
     
     
     
     
 
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