Februar 2017
Kunstwerk im Fokus

Gerhard Elsner: Personen hinter Farbvorhang

Schaufenster der Anonymität

Zentrales Thema im Schaffen Gerhard Elsners ist die menschliche Existenz unter den Bedingungen der Moderne. Er befragt die Lebensweise in der Großstadt darauf, wie Architektur, gesellschaftliche Rollen und soziale Bindungen die Individualität der Person beeinflussen und verändern. Elemente der modernen Architektur werden zu Chiffren für Seinsweisen, wie hier das Fenster. Es steht für die durchsichtig gewordene Grenze zwischen Innenwelt und Außenwelt, die dem Maler-Betrachter einen Blick in die Intimität der Existenz ermöglicht. Das bodenlange Fenster erinnert an Kaufhaus-Vitrinen, in denen die Figuren wie Schaufensterfiguren dem Blick preisgegeben sind. Der Betrachter wird dem Konsumenten angenähert, der einschätzende Blick des Beobachters wird zum taxierenden Blick des potentiellen Käufers. Gleichzeitig reflektiert Elsner in dem Gemälde die vermittelnde Rolle des Künstlers. Die Fensterrahmung erinnert an einen Bilderrahmen, durch die angeschnittene Darstellung wird diese kompositionelle Funktion noch betont. Einem Vorhang gleich rieseln rote Farbrinnsale das Fenster hinunter und weiße Schlieren ziehen über das Glas. Hinter ihnen verschwimmen die Konturen der Figurensilhouetten, die Gesichtszüge der Personen liegen im Schatten der Farbe. Das Geheimnis der Individualität bleibt ungreifbar.

Personen hinter Farbvorhang, 2009, Ölgemälde auf Leinwand, 120 x 100 cm, links unten signiert und datiert.
Im originalen Künstlerrahmen
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Januar 2017
Kunstwerk im Fokus

Otto Geiß: Ouvertüre für Blau-Violett, 1975

Im Garten der Töne

Den 1939 in Augsburg geborenen Otto Geiß führten verschlungene Pfade zur Kunst. Ausbildung zum Dekorateur, grafisches Studium an der Werkkunstschule, Beschäftigung mit Buddhismus, gestalterische Tätigkeit in der Werbebranche verliehen ihm das handwerkliche und gedankliche Rüstzeug. Die Begegnung mit der Kunst Ernst Fuchs' und des Wiener Phantastischen Realismus war der Katalysator, dank dessen Geiß sich seines eigenen Stils vergewissern konnte. Sein bildnerisches Werk ist unverkennbar mit dem grotesk-phantastischen Humor und dem ins Surreale enthobenen Detailreichtum. Weltlust und Daseinsfreude sprechen aus der liebevollen Versenkung in die feinsten Einzelheiten der Wirklichkeit ebenso wie aus der unerschöpflich sprudelnden Lust an der Metamorphose der Realität und der Erfindung neuer Wesen. Der Maler entführt in eine Welt voller fabulöser Figuren, belebter Statuen, wandelnder Maschinenwesen, Hybriden zwischen Pflanzen- und Menschenwelt. Umfangen wird die Szenerie von einer nebelhaften Gebirgskette, die mit ihrer organisch zerfurchten knolligen Oberfläche an die Landschaftshintergründe der Donauschule erinnert und gleichzeitig das Shangri-La des Himalayas, einen vor den Gefährdungen der Welt abgeschiedenen paradiesischen Schutzraum evoziert. Im Schatten der Gipfel regiert das bläulich-violette Licht des Übergangs des Tags in die Nacht. Eine grelle Lichtbahn erhellt die Bildmitte, in der eine rätselhafte Zeremonie vorbereitet wird. Bizarre, mit barock verschnörkelter Fantasie ausgestaltete Mischwesen gleiten durch die Luft, und über allem präsidiert ein Katzenidol mit maskenhaftem Lächeln. Mit überbordender Einfallskraft schafft der Künstler ein phantastisches Bühnenbild für eine noch zu schreibende Oper der mystischen Farben Blau und Violett.

Otto Geiß (1939 Augsburg - 2005):
"Ouvertüre für Blau-Violett", 1975, Acryl auf Leinwand, 73 x 143 cm, rechts oben signiert und datiert. Verso auf Keilrahmen mit Bleistift betitelt. Im schwarz lasierten Holzrahmen
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